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Wenn Achtsamkeit n die Familie kommt
Kleine Pausen

von JULIA GRÖSCH

Ich würde mich gern in den Pausen niederlassen, welche die Walddrossel zwischen den Strophen ihrer Lieder einlegt – wilde Gegenden, in denen noch kein Siedler seine Hütte gebaut hat, mit denen ich jedoch, wie mir scheint, bereits wohlvertraut bin.

Thoreau HENRY D. THOREAU


Kinder stellen uns Erwachsene immer wieder vor Rätsel. So ist es zum Beispiel das große Geheimnis kleiner Kinder, wie es ihnen gelingt, aus winzigen Pausen so vollkommen erfrischt, voller Energie und wie neugeboren hervorzugehen – während wir Erwachsene, trotz Pausen, oft erschöpft durch den Alltag treiben.

Es mag sein, dass wir die „wilden Gegenden zwischen den Strophen“, von denen der amerikanische Essayist und Naturbeobachter Henry D. Thoreau in seinem Zitat spricht, im Grunde meiden, dass wir die Signale unseres Körpers zu oberflächlich wahrnehmen und ihnen nicht oft genug folgen – oder, dass wir Pausen zu Zeiten einlegen, die unserem Rhythmus eigentlich nicht entsprechen.

Liebe, Vertrauen, Wohlwollen und Geduld

Jenseits aller Vermutungen und Erwägungen können solche kleinen Beobachtungen oder Rätsel aber immer wieder zum Ausgangspunkt für Achtsamkeit im Alltag mit Kindern werden. Wenn es uns gelingt, weniger zu fragen „wie etwas funktioniert“ oder „warum etwas ist, wie es ist“, wenn wir uns vielmehr auf Geheimnisse einlassen ohne gleich eine Lösung parat haben zu wollen, erfahren wir auf einer anderen Ebene, als der des Verstandes, etwas von unseren Kindern und uns selbst. Es geht auf diesem Weg auch immer wieder darum, von dem auszugehen, was uns in unserem oft chaotischen, schwierigen und dann auch wieder liebevollen und leichten Alltag mit Kindern begegnet oder auch überrascht.

Uns immer wieder an Liebe, Vertrauen, Wohlwollen und Geduld zu erinnern und zuzulassen, dass sich ein tieferes Verständnis für unsere Kinder entwickelt – diese innere Bewegung ist uns ja im Zusammensein mit Kindern schon nah und vertraut, auch wenn wir den Kontakt zu diesen Qualitäten immer mal wieder verlieren. Für Übungen in Achtsamkeit müssen wir uns daher nicht anstrengen, es geht nicht darum, etwas zu erreichen oder „besser zu werden“, auch nicht darum sich oder andere zu verurteilen, wenn Achtsamkeit verloren geht (es gehört dazu, dass das geschieht).

Vielmehr ist es im Alltag mit Kindern hilfreich, wenn wir uns Raum und Zeit einrichten, uns immer wieder an die Möglichkeit einer inneren Hinwendung zu diesen Qualitäten zu erinnern. Übungen der Achtsamkeit sind eine große Unterstützung, durch die uns bewusst wird, dass wir uns in jedem Moment abwenden oder auch zuwenden können. Diese Bewegung wahrzunehmen, ihr nachzuspüren, sie zu erforschen und sanft zurückzukehren ist Achtsamkeit.

Es gibt keinen Ort, keinen Zeitpunkt und keine Tätigkeit, die nicht für Achtsamkeit geschaffen wäre

In diesem Sinn können wir mit dem üben, was uns begegnet, was unserem eigenen Wesen entspricht und der Lebenssituation, in der wir uns gerade befinden. Wenn es unserem Rhythmus entspricht und wenn wir so üben wollen, sind Zeiten, in denen wir uns in Stille uns selbst zuwenden, hilfreich. Wir können weitere Zugänge finden, wenn wir im Kontakt mit unserem Kind wirklich präsent sind und unsere Gedanken und Gefühle bewusster wahrnehmen. Es gibt auch einen weiten Zugang zur Achtsamkeit im täglichen Zusammensein mit Kindern, im gemeinsamen Wahrnehmen der Natur, im kreativen Tun, beim Kochen oder Wäsche falten. Es gibt keinen Ort, keinen Zeitpunkt und keine Tätigkeit, die nicht für Achtsamkeit geschaffen wäre – die Schwierigkeit besteht allein darin, sich im rechten Moment daran zu erinnern...

Sich niederzulassen „in den Pausen, welche die Walddrossel zwischen den Strophen ihrer Lieder einlegt“, einmal das Wilde, das Fremde und das Vertraute in so einer Pause zu erforschen, ist so ein Ausgangspunkt für ein tieferes Verständnis für alles, was in uns und um uns herum lebt und wachsen will.

Etwas zur Ruhe zu kommen und unsere Aufmerksamkeit auf den Atem zu lenken, kann eine hilfreiche Übung sein, um einmal die Konsistenz von Pausen zu erforschen. Vielleicht finden wir darin eine Farbe oder einen Ton. Vielleicht finden wir auch die Pause zwischen den Atemzügen, den Moment in dem Ein- und Ausatmen in die Atempause übergeht oder neu entsteht.

Ist da eine Pause?

Wir können auch einmal beobachten, woran wir bemerken, dass das Bedürfnis nach einer Pause wächst und welche Gedanken und Gefühle dabei aufkommen. Wie fühlt sich unser Körper, unser Gesicht, unsere Hände vor und wie nach einer Pause an?

Pausen in einem Gespräch einzulegen und Gehörtes einmal bewusst zu „schmecken“, bevor wir es „herunterschlucken“ und reagieren, lässt in vielen Gesprächssituationen Überraschendes und Neues entstehen. Gerade im Kontakt mit Kindern ist es so hilfreich, immer mal wieder innezuhalten, wahrzunehmen, was bei unserem Kind gerade im Vordergrund steht, was bei uns selbst da ist und weniger automatisch zu reagieren. Gespräche zu verlangsamen, Pausen einzulegen und Stille zuzulassen, kann in dieser Zeit, in denen Kinder und Erwachsene so sehr von Worten überflutet werden, grundlegend heilsam sein. Wenn es uns ab und zu gelingt, innezuhalten, bevor wir einem Kind unser Wissen oder unser Tempo überstülpen, entsteht ein neuer Raum in dem wir erfahren können, was eigentlich schon da ist oder im Moment gerade entsteht.

Pausen sind viel mehr als der Druck auf die Stopptaste

Auf diese Weise mag sich auch ein neues Verständnis für den Wert von Pausen in unserem eigenen Rhythmus und in dem der Kinder einstellen. Pausen sind viel mehr als der Druck auf die Stopptaste. Sie sind nicht unbelebt, sie sind nicht leer und wenn wir sie durchwachsen, kann aus ihnen, so wie auf die Ruhezeit des Winters ein neuer Frühling folgt, ganz Neues, Frisches und Unverbrauchtes entstehen.

Pausen geben dem Neuen Raum, um zu entstehen und zu wachsen. Und wenn wir Neuem und Frischem in unserem Leben und im Leben unserer Kinder helfen wollen, dann auch indem wir Pausen nicht im Keim ersticken, sondern ihnen geduldig und vertrauensvoll Zeit und Raum geben, damit sie sich ganz entfalten können.

AUS DER ZEITSCHRIFT MIT KINDER WACHSEN AUSGABE APRIL 2015